„Mein Zuhause“ - Versöhnung der Wurzeln und Dankbarkeit

Begegnungen im Atelier – Teil 3

Gudrun Maríe Hanika
Dipl.-Restauratorin und Gemäldeflüsterin

Onlineberatung: Restaurierung trifft Lebenskunst

Versöhnung und Dankbarkeit

Johanna bringt mir das Bild ihres Elternhauses. Zwei Stoffflicken auf der Rückseite erzählen von der liebevollen Rettung ihres Vaters in einer Zeit, in der man noch nicht „Verletzungen heilen“ konnte. 

Gemeinsam gehen wir den Weg vom Flicken zur echten Restaurierung. Erfahre, wie Johanna durch ein altes Hausbild und eine Gipsmadonna Frieden mit ihren Wurzeln schließt und warum Dankbarkeit der beste Firnis für unsere Lebensgeschichte ist. 

 

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Ankommen im Atelier

Sie legt das Bild vorsichtig auf den Tisch und sagt: „Das ist mein Zuhause.“
Ein schlichter Satz, der den Raum sofort mit einer tiefen Stille füllt.
Das Gemälde ist 45×55 cm groß, gefasst in einen breiten, braunen Holzrahmen, dessen warmer Ton sich wunderschön im gemalten Dach des Hauses widerspiegelt.

Johanna blickt mich an – wir sind der gleiche Jahrgang, 1967 – und ich spüre sofort das unermessliche Vertrauen, das sie mitbringt.
Sie ist eine fröhliche, eher korpulente Frau, die eine herzliche Wärme ausstrahlt.
Sie zeigt mir Fotos auf ihrem Handy: „Schauen Sie, Frau Hanika, so sieht das Haus heute aus.“
Ihre Augen leuchten, während sie mir erzählt, dass sie beim Betreten meines Hauses sofort wusste, dass sie und ihre Schätze hier genau richtig aufgehoben sind.

Die Frau hinter dem Bild

Johanna ist eine Frau, die Verantwortung trägt.
Sie hat das Haus ihrer Eltern erworben, obwohl sie selbst ein paar Autominuten weiter in einem Neubau wohnt.
Sie bewahrt das Erbe ihrer Familie – eine Geschichte mit vier Geschwistern, zwei Mädchen, zwei Jungen.

Hinter dem Erwerb stehen auch die Narben von Geschwisterstreitigkeiten, doch Johanna blickt nicht mit Bitterkeit zurück.
Sie besucht das Haus jeden Tag, stellt dort ihre Geräte in die Scheune und sorgt dafür, dass die Seele des Ortes erhalten bleibt.
Es ist eine tiefe Liebe und Bewunderung für ihre Eltern, die sie antreibt.

Das Gemälde und seine Geschichte

Das Bild ist mehr als eine Darstellung von Architektur; es ist ein Zeitzeuge.
Rückseitig steht: „Zur Erinnerung 1934“.
Anlässlich der Geburt des Vaters wurde ein Künstler in Frankfurt beauftragt, dieses Haus zu malen.
Früher hing es im Treppenhaus, auf dem Weg hoch zum Schneideratelier des Vaters auf dem Dachboden.

Das Gemälde hat zwei große Löcher – Leinwandfehlstellen, die der Vater damals selbst liebevoll mit zwei einfachen Stoffflicken auf der Rückseite versorgt hat.
Er fixierte sie, um den Verfall zu stoppen.
Es ist seine ganz eigene Art der Rettung gewesen, ein Zeichen dafür, wie viel ihm dieses Bild bedeutete.

Was das Bild über das Leben erzählt

Warum nimmt Johanna die aufwendige und diffizile Restaurierung auf sich?
Weil sie es ihren Eltern schuldig ist – aber nicht aus einem schweren Pflichtgefühl heraus, sondern aus purer Dankbarkeit.

Die Flicken des Vaters erzählen von einer Zeit, in der man noch nicht „heilen“ konnte wie heute, aber es mit den Mitteln versuchte, die man aus Liebe zur Verfügung hatte.

Die Madonna, eine Gipsfigur, die sie ebenfalls mitgebracht hat, ergänzt dieses Bild der Geborgenheit.
Sie repräsentiert die geschützte, weibliche und religiös verbundene Seite ihrer Kindheit.
Haus, Bild und Madonna bilden eine Einheit der Nostalgie und des Friedens.

Der Moment im Atelier

„Ich möchte, dass alles wieder so wird, wie es gehört“, sagt sie mit einer Klarheit, die mich tief berührt.
Normalerweise restauriere ich keine Skulpturen mehr, doch bei dieser Geschichte und diesem Paar – dem Bild und der Madonna – sage ich berührt zu.
Johanna akzeptiert den Preis für die Restaurierung ohne Zögern.

In diesem Augenblick begegnen wir uns auf einer Ebene, die weit über das Handwerk hinausgeht.
Es ist der Moment, in dem der Geschwisterkonflikt in den Hintergrund tritt und die reine Essenz der Familienliebe den Raum einnimmt.

Wenn ein Bild wieder zu sprechen beginnt

In der Restaurierung geschieht etwas Heilendes: Ich schließe die Löcher, die der Vater nur flicken konnte.
Ich arbeite unter größtem erzählerischen und energetischen Respekt vor der Geschichte.

Doch meine Arbeit ist auch hier ein Türöffner. Ich lade Johanna ein, die „Flicken“ ihrer eigenen Familiengeschichte zu betrachten.
Hier entsteht der Raum für das Krafttanken durch Ihr Herzens-Gemälde oder das gelebte Lebenskunst-Book.

Wir nutzen das Hausbild als Spiegel: Was darf in Johanna heute versöhnlich werden?
Das Lebenskunst-Buch hilft dabei, die Dankbarkeit und den Frieden, den sie beim Betreten des Elternhauses spürt, dauerhaft in ihr eigenes Leben zu integrieren.
Es wird zum Archiv ihrer Wurzeln und ihrer ganz persönlichen Spiritualität.

Der leise Ausblick

Das Bild wird zukünftig im Erdgeschoss an der Treppe beim Eingang hängen, damit es bei jedem Betreten gesehen werden kann.
Es wird kein Mahnmal sein, sondern ein Willkommensgruß der eigenen Geschichte.

Johanna freut sich riesig darauf, wenn die Madonna und das Hausbild wieder in ihr „Zuhause“ zurückkehren.
Sie weiß nun, dass durch die Restaurierung nicht nur die Leinwand, sondern auch die Verbindung zu ihren Wurzeln wieder klar und strahlend wird.

Manche Frauen nutzen diesen Moment, um ihre Lebenskunst ganz neu zu definieren – getragen von einer Energie, die nichts mehr verstecken muss.

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