Die Frau, die fast jedes Bild dieses Künstlers kennt

Begegnungen im Atelier – Teil 2

Gudrun Maríe Hanika
Dipl.-Restauratorin und Gemäldeflüsterin

Onlineberatung: Restaurierung trifft Lebenskunst

Die Schichten, die uns unsichtbar machen

In der ersten Lebenshälfte, oft bis weit in die Jahre zwischen 44 und 69 hinein, bauen wir Schichten auf. Wir definieren uns über die Erwartungen der Familie, des Umfelds und der Leistungsgesellschaft. Wir haben gelernt, „brav“ und „nett“ zu sein, uns klein zu halten und erst dann etwas von uns abzugeben, wenn unser eigenes Gefäß bereits überläuft. Doch was, wenn nichts mehr überläuft? Viele Frauen erschöpfen sich, weil sie nie gelernt haben, sich selbst an die erste Stelle zu setzen. Ihr wahres Leuchten ist nicht weg – es ist nur unter dem Firnis der Anpassung verborgen.

 

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Ankommen im Atelier

Sie kommt mit einem Gemälde, das bald im Rathaus hängen soll. Sorgsam eingewickelt in schützende Noppenfolie, kein langes Zögern – sie bringt ein Stück regionaler Identität mit.

Als sie das gerahmte Gemälde auf meinen Arbeitstisch legt, ist sofort ihre Fachkenntnis wieder spürbar. „Das ist der Muggenbaum“, sagt sie klar. „Ein zentrales Werk für die geplante Ausstellung im Rathaus.“
Ihr Blick ist fokussiert, doch hinter der Expertin schimmert eine tiefe Sehnsucht nach dem ursprünglichen Leuchten des Bildes durch.

Die Frau hinter dem Bild

Diese Frau ist eine echte Sammlerin. In ihrem Zuhause hängen unzählige Werke eines bekannten fränkischen Künstlers. Sie kennt seine Lebensphasen, seine Not und seinen Pinselstrich.

Doch hinter dieser Leidenschaft steht ein Alltag, der sie fordert: Seit Jahren pflegt sie ihren Mann.
Es ist ein Leben mit wenig Raum für sie selbst, in dem die Verantwortung oft die Leichtigkeit schluckt.
Kunst ist für sie viel mehr als Hobby, es ist fast schon etwas Überlebensstrategie.

Das Gemälde und seine Geschichte

Das Muggenbaum-Gemälde zeigt das „Mainländle“: grüne Felder, ein tiefblauer Himmel und ein altes Haus direkt am Fluss. Der Künstler malte es in Zeiten des Mangels, oft auf einfache Leinwand und für ein Stück Butter oder Brot.

Meine Kundin ist eine Gemäldeflüsterin der Zeitgeschichte: Sie kennt die Entbehrungen des Malers im Krieg und weiß genau, wie sehr sich die Architektur am Main heute verändert hat.
Das Bild ist für sie der dokumentarische Anker an eine Welt, die noch friedlich und unverstellt war.

Was das Bild über das Leben erzählt

Warum sammelt sie ausgerechnet diesen Künstler so obsessiv?
Weil die Kunst ihr Seelenbalsam ist. Wenn die Pflege ihres Mannes zu schwer wird, taucht sie in diese gemalten Welten ein.
Die klaren Farben und die Schönheit der Landschaft sind ihre Kraftquelle.
Es ist wie ein Buch, in das man sich hineinliest, um den Alltag für einen Moment zu vergessen.
Ihre Bilder geben ihr kraftvoll die Energie zurück, die sie in der Realität verbraucht.

Der Moment im Atelier

„Ich möchte, dass es wieder strahlt“, sagt sie schlicht. In diesem Augenblick geht es nicht mehr nur um dessen Ausstellung im Rathaus. Es geht um ihr eigenes Bedürfnis nach Licht.

Sie erzählt mir bei einer weiteren Restaurierung einmal, dass mein Haus und die Energie in meinem Atelier ihr sofort ein Gefühl von Vertrauen geben.
Hier muss sie nicht die Pflegende sein – hier darf sie einfach die Frau sein, die mit der Kunst in Resonanz geht.

Wenn ein Bild wieder zu sprechen beginnt

In der Restaurierung geschieht etwas Wesentliches: Wir legen frei, was unter dem vergilbten Firnis verborgen war. Doch ich biete ihr mehr als nur Handwerk.

Ich lade sie ein, von der kunstgeschichtlichen Beobachterin zur tiefgehenden Gemäldeflüsterin ihrer eigenen Geschichte zu werden.
Hier schlägt die Brücke zum gelebten Lebenskunst-Buch.
Es nutzt das Wissen über den Künstler – sein Aufstehen nach dem Krieg, sein Wachstum an Herausforderungen
und genauso auch die Geschichten, in welchem Zusammenhang die Gemälde entdeckt und erworben wurden – als Spiegel für das eigene Leben.

In diesem Buch werden die Fakten der Zeitgeschichte und der eigenen Geschichte zu Kapiteln der persönlichen Stärke.
Es ist ein Archiv der Dankbarkeit, das zeigt, wie man die eigenen „Schichten“ sortiert und die Essenz des Lebens zum Leuchten bringt.

Der leise Ausblick

Als das Muggenbaum-Gemälde dann im Rathaus hing, war es für die Besucher ein historisches Zeugnis.

Für meine Kundin bleibt es ihre persönliche Energiequelle.
Sie weiß nun, dass die Schönheit des Bildes unzerstörbar ist – genau wie ihre eigene Kraft.

Manche Frauen gehen nach der Restaurierung einen Schritt weiter. Sie nutzen ihr Bild als Türöffner für das Krafttanken durch Dein Herzens-Gemälde. Sie entdecken, dass die Geschichte des Malers und die eigene Geschichte im Lebenskunst-Buch zu einer neuen, kraftvollen Einheit verschmelzen.

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